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Sonntag, April 18, 2010

Sie kommen (vielleicht) doch noch zusammen

HbbTV - Hybrid broadcast broadband TV - so nennt sich die neue gesamteuropäische Anstrengung, um Internet und Fernsehen doch noch zusammenzubringen. Und zwar auf ein Ausgabegerät, damit der Zuseher nicht wie jetzt vom Fernseher zum Computer mit Internetanschluss wechseln muss, wenn er er zum Beispiel eine Fernsehsendung verpasst hat und sie auf dem on-demand-Portal der Rundfunkstation (TVthek des ORF, Mediathek des ZDF, etc.) ansehen will.
HbbTV will die Inhalte von Rundfunk und Internet verknüpfen. Wie das geschehen geschehen soll, wird im entsprechenden Wikipedia-Eintrag so beschrieben:
"In das Rundfunksignal [wird] eine Signalisierung eingefügt (AIT-Tabelle). Diese AIT-Tabelle wird vom Empfänger ausgelesen, und enthält in der Regel eine URL auf eine spezielle HTML-Seite, die über die Internetverbindung geladen wird. Diese HTML-Seiten werden gewöhnlich mit Hilfe der roten Farbtaste der Fernbedienung sichtbar geschaltet.

Damit lassen sich TV-Editionen der Mediatheken starten, damit Sendungen zeitversetzt vom Zuschauer abgerufen werden können. Auch für den Teletext ergeben sich mit Optionen für Abbildungen und Grafiken sichtlich bessere Darstellungen im Zeitalter des hochauflösenden Fernsehens. Die HTML-Umgebung ermöglicht dabei eine ganze Reihe von neue Funktionalitäten: Ein verkleinertes Fernsehbild kann in HTML-Seiten integriert werden und von der HTML-Seite kann direkt auf ein anderes Fernsehprogramm umgeschaltet werden. Darüber hinaus lassen sich synchron zum Fernsehprogramm Menüfunktionen und Nachrichtenticker transparent über das laufende Fernsehbild legen."

Nach Angaben auf der Website der HbbTV-Initiative unterstützen namhafte Provider wie Astra und Eutelsat, Broadcaster wie die französische Canal+-Gruppe, Netzwerkexperten wie Cisco, Erzeuger von Settop-Boxen wie Humax und Consumer Electronic wie Sony den neuen Standard. Humax bietet bereits einen Receiver an, der den Anwender laut Produktbeschreibung nicht nur durch die Fernsehprogramme, sondern auch durchs Internet surfen lässt.

HbbTV ist bereits im Dezember 2009 zur Standardisierung eingereicht und wurde auch schon bei der Internationalen Funkausstellung 2009 vorgestellt. "2010 wir das Jahr von HbbTV werden", formuliert das Hamburger Technologie-Unternehmen TEVEO, ein Mitglied der HbbTV-Initiative euphorisch.

Unbestritten ist, dass die benutzerfreundliche Verbindung von Fernsehen und Internet längst überfällig ist. Zur Vorsicht vor allzu überschwänglichen Erwartungen an HbbTV besteht allerdings Anlass, bevor nicht die Konsumenten in ausreichender großer Zahl ihre Bereitschaft bekundet haben, von der Verschränkung von Fernsehen und Internet ebenso begeistert zu sein wie die Wirtschaft. Spätestens nach der Ernüchterung bei MHP - der Standard sollte vor Jahren zu mehr Interaktivität im Fernsehen beitragen, konnte sich aber nicht durchsetzen - ist diese Vorsicht angebracht.

Samstag, März 06, 2010

Social Media und Journalisten

Den Journalisten wird - positiv formuliert - ein gespaltenes Verhältnis zu Social Media nachgesagt. Da werde nur belanglos geplaudert: "Was interessiert mich, welches Frühstück jemand gegessen hat", sagte einer meiner Kollegen kürzlich und meinte, diese Zeit verschwendende Überflüssigkeit werde in ein paar Jahren ohnedies wieder verschwunden sein.

Social-Media-Plattformen boomen

Da dürfte mein Kollege irren: Facebook hat weltweit schon mehr als 400 Millionen eingetragene Benutzer. In Österreich sind es auch schon 1,4 Millionen. Twitter hat sich mittlerweile schon mehrfach als Zulieferkanal für (nicht geprüfte) Information für Berichterstattung bewährt. Second Life ist zwar in der medialen Versenkung verschwunden. Ungeachtet dessen hat die Zahl jener zugenommen, die die virtuelle Welt besuchen.

Studie: 82 % nutzen Social Media

Deshalb ist auch die Frage interessant, wie die Journalisten mit Social Media umgehen. Für Österreich haben diese Aufgabe - zumindest was den quantitativen Aspekt betrifft - die PR- und Lobbying-Agentur ikp und das Fachmagazin "Der Österreichische Journalist" übernommen. Sie haben in einer Studie Journalisten über ihren Umgang mit Social Media befragt. 545 haben sich an der Onlineumfrage beteiligt.

Überrascht hat mich, dass 82 % der Studienteilnehmer angaben, sie seien auf einer Social-Media-Plattform vertreten. Ich hätte eine geringere Zahl vermutet - vor allem in den Altersgruppen 40 - 49 Jahre (71 %) und bei den über 50-jährigen Journalisten (68 %). Dass 95 % der unter 29-Jährigen mit mindestens einer Social-Media-Plattform verlinkt sind, überrascht hingegen nicht.

Facebook ist klarer Favorit

Bei den Plattformen geben die Journalisten eindeutig Facebook den Vorrang (79 %) vor Xing (69 %), Twitter (30 %) und YouTube (27%). 53 % der Befragten geben an, dass sie Facebook täglich nutzen; 57 % tun dies sowohl beruflich als auch privat. Diese Dominanz von Facebook nicht nur unter den befragten Journalisten ließ den Marktforscher Günter Brandstetter von 3MfB bei der Studienpräsentation vermuten, dass die anderen vergleichbaren Plattformen in den nächsten Jahren bedeutungslos würden.

Bei den Motiven, warum Journalisten Social-Media-Plattformen nutzen, liegt der Ausbau und die Pflege des persönlichen Netzwerks mit 60 % voran. Für Recherchezwecke nutzen sie 36 %, um Themen für die Berichterstattung zu finden 35 %. Vergleichsweise bescheiden nimmt sich die Zahl derer aus, die angeben Social-Media-Plattformen für Kontakte zum Publikum einzusetzen (25 %) oder das kollektive Wissen der User für die journalistische Arbeit zu nutzen (crowsourcing: 4 %).

Blogs - Stiefkinder der Journalisten

Bescheiden nimmt sich auch das Verhältnis der befragten Journalisten zu Weblogs aus: Nur 16 % führen selber einen Blog; 26 % geben an Blogs zu beobachten. 68 % der Befragten haben mit Blogs überhaupt nichts am Hut.

Abschließend merkten die Studienautoren bei der Präsentation der Ergebnisse an, dass mehr Journalisten (82 %) Social-Media-Plattformen nutzen als die Durchschnitts-Österreicher (70 %).

Nachtrag am 7.5.2010:
Habe heute einen Link gefunden, unter dem die gesamte Studie abgerufen werden kann.

Sonntag, Dezember 27, 2009

Warum darf die Tagesschau nicht aufs iPhone?

n Streit stört den Weihnachtsfrieden in der deutschen Medienszene: "Ein gebührenfinanziertes Gratisprogramm der ARD-Tagesschau für das iPhone schadet nach Ansicht des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) der Medienbranche in ihrer Umbruchphase", schreibt Spiegel Online: "Die ARD plant, ihre Online-Inhalte im neuen Jahr in einem kostenlosen Dienst für das Apple-Mobiltelefon und andere Smartphones zur Verfügung zu stellen."

Die Befürchtungen der Zeitungsherausgeber

Die Zeitungsherausgeber befürchten, dass kostenlose Angebote von öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen, wie die ARD-Tagesschau, den Erfolg der kostenpflichtigen Nachrichtenangebote von Zeitungen bedrohen könnten. "Wenn sich bezahlte Applikationen auf mobilen Geräten nicht durchsetzen, wird dies Tausende Arbeitsplätze in der Verlagsbranche kosten", sagte etwa der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, dem Magazin "Focus". Zwei Zeitungen aus dem Springer-Verlag bieten seit Dezember 2009 kostenplichtige Apps für das iPhone an. Der mobile Dienst kostet bei "Bild" zum Einstiegspreis 79 Cent pro Monat.

Tatsächlich ein Bedrohungsszenario?

Der ARD ergeht es wie den meisten öffentlich-rechtlichen Sendern, wie auch dem ORF: sie verliert Zuseher. Der Marktanteil der "Tagesschau" im Ersten hat sich zwischen 2005 und 2008 von 20,6 % auf 19,0 % verringert. Fernseh-Zuseher wandern ins Internet ab, genauso wie Zeitungsleser ins Internet abwandern.

Da ist es doch nur folgerichtig, wenn die ARD versucht ihren Rezipienten ins (mobile) Internet zu folgen. Zumal sich die Nachrichtenleute des öffentlich-rechtlichen Senders im Internet schon eine respektable Reputation aufgebaut haben. Und wenn - zumindest für den juristischen Laien - kein Widerspruch zu den restriktiven Bestimmungen des Paragraphen 11d des Rundfunkstaatsvertrags zu erkennen ist.

Legitimationskrise durch Internetabstinenz

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat - ob zu Recht oder zu Unrecht sei in diesem Zusammenhang dahin gestellt - in der Diskussion um die letztlich erfolgreiche Absetzung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender mit Quotenverlusten bei den Nachrichtensendungen des Öffentlich-Rechtlichen argumentiert. Der Legitimationskrise - alle zahlen Rundfunkgebühren, immer weniger sehen die Programme - wollen die öffentlich-rechtlichen Sender mit Nachrichtenangeboten dort entkommen, wo die potenziellen Rezipienten sind. Sie handeln sich dafür den Vorwurf ein, das Bedrohungsszenario für den Printbereich zu sein.

Keine Tagesschau auf dem iPhone - höhere Zahlungsbereitschaft?

Springer-Chef Döpfner sowie andere Kritiker aus der Medienbranche und der Medienpolitik am ARD-Plan, die Tagesschau als iPhone-Applikation anzubieten, haben offenichtlich kein Vertrauen; weder in die Qualität der eigenen Produkte noch in die Bereitschaft der Online-User für entsprechende Inhalte zu bezahlen. Unverständlich bleibt Herr Döpfners Zuversicht, dass Online-User mehr Bereitschaft zeigen sollen, für das App von "Bild" zu bezahlen, wenn die "Tagesschau"auf dem iPhone verhindert wird. Der sparsame Nachrichtenkonsument wird sich dann wohl - auf dem iPhone wie auf den Mobiltelefonen anderer Hersteller - mit den kostenlosen, fürs mobile Internet optimierten Nachrichtenangeboten bescheiden, wie sie "Bild" und viele andere Printprodukte schon jetzt anbieten.

Oder werden diese kostenlosen Angebote der Zeitungen mit den kostenlosen iPhone-Apps dann abgeschafft, damit sie den Herausgebern nicht ebenso Konkurrenz machen wie das geplante iPhone-App der Tagesschau ?

Politik und Medien haben das Internet verschlafen

Hinter all dem Gezeter um das Vorhaben der ARD steckt die trügerische und durch nichts begründete Hoffnung, dass kostenpflichtiger redkationeller Inhalt nach X gescheiterten Versuchen 2010 doch noch ein tragfähiges Geschäftsmodell werden könnte. Angesichts der Diagnose des wiener Kommunikationswissenschafters Hannes Haas, dass Medienpolitik und -branche das Internet verschlafen haben, wirkt das Geschrei der deutschen Printmanager gegen den ARD-Plan wie ein Manöver, dass von der eigenen Unfähigkeit ablenken soll, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Kostenpflichtige Inhalte sind alter Wein in neuen Schläuchen. Die potenziellen Zahler, die iPhone-Besitzer, werden den Wein wohl als alt erkennen und ihn nicht bestellen.

Das bedrohliche Kleben an überkommenen Strategien

Hätten die Pferde-Fuhrleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts so argumentiert wie die Medienmanager heute, dann hätten die Fuhrleute von der Politik wohl ein Fahrverbot für das neue Fortbewegungsmittel Auto auf Überlandstrecken und überhaupt eine generelle Geschwindgkeitsbeschränkung auf 10 Kilometern pro Stunde verlangt, nur damit die Pferdefuhrwerke konkurrenzfähig mit dem Benzin betriebenen Automobil bleiben. Sie hätten stur an den Jahrhunderte lang überlieferten Geschäftsmodellen der Pferdefuhrwerk-Branche festgehalten. Nach wie vor Hafer statt Benzin, Hufschmied statt Automechaniker.

Die Manager der "alten" Massenmedien sollten sich Statistiken über die Entwicklung der Zahl von Pferdefuhrwerken und der Zahl von Lastwagen seit Erfindung des Automobils ansehen.

Warum ich mich in diesem Blog so ausführlich mit der Diskussion über das Tagesschau-iPhone-App auseinandersetze.

Der Onlinedirektor des österreichischen öffentlich-rechtlichen ORF hat noch vor Weihnachten angekündigt, dass er für 2010 eine Applikation plane, die "Zeit im Bild", das österreichische Pendant zur "Tagesschau", aufs iPhone zu bringen. Die Reaktion des "Verbandes Österreichischer Zeitungen" (VÖZ) steht noch aus.

Nachtrag am 29.12.: Die Debatte über das kostenlose "Tagesschau"-App fürs iPhone spitzt sich zu: Die Bildzeitung, Speerspitze im Kampf gegen das Vorhaben der ARD, macht das Thema zum Aufmacher im Blatt.

Nachtrag am 31.12.: Zwei lesenswerte Blogposts (samt Kommentare) zum Thema von Richard Gutjahr und Ulrike Langer.

Montag, Dezember 07, 2009

Online mehr Information als im Fernsehen

ZAPP, das Medienmagazin des NDR, hat mit seinem kritischen Blick auf die deutsche Medienlandschaft Vorbildcharakter und ist einzigartig in der deutschsprachigen Fernsehlandschaft. Nun ist ZAPP auch Vorreiter bei der längst überfälligen Öffnung des klassischen Fernsehens in Richtung Zusatznutzen für den Zuschauer.

Umfassend erweiterte On-Demand-Version

Was in der originalen, also in der Fernsehversion des Magazins, nicht möglich ist, bieten die Macher von ZAPP in der Video-on-Demand-Version. Wenn etwa Bodo Hombach, der Geschäftsführer der "WAZ Mediengruppe" im Beitrag "Verlage in der Krise" in der ZAPP-Ausgabe vom 6. Dezember 2009 sein Statement zu den Personaleinsparungen in den Redaktionen abgibt, erscheint im rechten oberen Bilddrittel ein stilisierter Filmstreifen, als Icon für "Achtung, hier gibt es auf Mausklick Zusatzinformation". So können Interessierte statt der wenigen Sekunden Originalton ein 23-Minuten-Interview mit Bodo Hombach sehen.













Links auf Videos und Websites


Insgesamt 14 Links innerhalb des zehn Minuten langen Beitrags bieten zusätzliche Information, in Form von Interviews der OT-Geber in Langform, anderen Fernsehbeiträgen zum Thema oder als Links auf relevante Websites im Internet.

Das Prinzip der unterschiedlichen Informationstiefe wird konsequent durchgezogen - ohne den Zuseher zwangszubeglücken: Wer will, kann die Zusatzinfos aufrufen; wer will, kann den Beitrag ohne Zusatzinfos wie im klassischen Fernsehen ansehen - und am Ende über einen Klick auf ein Symbol im Mediaplayer die Zusatzinfos gesammelt aufrufen.

Mehr als ein Prestigeprojekt?

Dieses Angebot scheint mir ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung zu sein, um das Beste aus den Welten von Fernsehen und Internet zu verbinden: die hohe Qualität der Berichterstattung beibehalten und gleichzeitig individuell nutzbare Zusatzinformation anbieten.

Bleiben zwei Fragen: Bewegt sich der Aufwand für das Auffetten des klassischen Fernsehbeitrags um interaktiv nutzbare Zusatzinfos in einem Rahmen, dass solche Beiträge nicht nur fürs Image des Senders, sondern im tagtäglichen Betrieb produziert werden können? Und: Wann wird es endlich die passenden konvergenten Fernsehgeräte geben, damit der User nicht wieder an den Computer wechseln muss, um solche Beiträge nutzen zu können?

Sonntag, Juli 12, 2009

Mehr Meinung, weniger Information

Die radikalen Änderungen in der Medienwelt machen es für die bestehenden Medien überlebensnotwendig, dass sie ein neues Rollenverständnis entwickeln. Diese Notwendigkeit lässt sich auch von den größten Optimisten unter den Medienunternehmern mit Blick auf die wirtschaftliche Bilanz der ersten fünf Monate 2009 in Deutschland nicht mehr leugnen: 12 Prozent weniger Werbung und auch die Auflage sinkt weiter.

Einen Beitrag zu diesem neuen, längst überfälligen Rollenverständnis liefert der Trendforscher Peter Wippermann in einem Interview mit dem Internet-Mediendienst turi2.
Wippermann gibt sich überzeugt,
"dass die menschliche Qualität Dinge zu beurteilen eigentlich die Hauptursache sein wird, dass Leute Printprodukte kaufen."
Will sagen: In Zukunft werden Tageszeitungen in erster Linie nicht mehr die reinen Daten und Fakten zu einem Ereignis drucken, sondern seine Bewertung im gesellschaftspolitischen Kontext.
Diese Annahme ist durchaus nachvollziehbar: In der Disziplin "breaking news" - wer bringt aktuelle Informationen am schnellsten unter die Rezipienten - ist die Tageszeitung im Vergleich zum Internet, aber auch zu Radio und Fernsehen, produktionsbedingt im Hintertreffen.
Orientierung geben lautet die Aufgabe. Zusammenhänge aufzeigen, kommentieren - erst das gibt den Lesern die Chance, die Bedeutung eines Ereignisses für sich selber zu begreifen.

Das Streben nach höchsten Auflagen gehöre der Vergangenheit an, ergänzt Wippermann, aber:
"Ich bin ziemlich sicher, dass wir in Zukunft Qualität verkaufen werden. Die Auflagen werden kleiner sein müssen, aber dafür wertiger und viel dichter an den Zielgruppen, viel dichter an jenen, für die diese Inhalte noch Werte darstellen."
Das ganze Interview mit Peter Wippermann ist hier zu sehen.

Samstag, Juni 20, 2009

Zehn Strategien für den Journalismus 2.0

Egal, ob man den Zusatz "2.0" als Hinweis auf Veränderung nun passend findet oder nicht - Vorschläge, welche Anforderungen an den Journalismus innerhalb der veränderten Rahmenbedingungen der neuen Medienwelt gestellt werden, sind wichtig. Beim Global Media Forum der Deutschen Welle hat die Journalistin Ulrike Langer "10 Strategien für den Journalismus 2.0" präsentiert und diese ausführlich mit Argumenten untermauert. Das sind die Schlagzeilen zu den Strategien:
  1. Diskussion ermöglichen
  2. In der Link-Ökonomie müssen journalistische Plattformen öffentlicher Gesprächsstoff sein
  3. Journalismus muss dort sein, wo die Nutzer sind
  4. Journalistische Plattformen sollten multimediale Erzählformen und die Kreativität der Nutzer fördern
  5. Tue, was Du am besten kannst, und verlinke zum Rest
  6. Multimedial denken
  7. Die Weisheit der Masse nutzen
  8. Hyperlokal denken
  9. Spenden finanzierten Journalismus ermöglichen
  10. Neue Technologien umarmen
Martin Blumenau von FM4 hat die Strategien mit Anmerkungen versehen.

Sonntag, März 08, 2009

Fernsehen und Internet - die zweite


Eine neue Generation von Fernsehgeräten, die über einen Breitbandanschluss mit dem Internet verbunden sind - Philips Net TV (Bild links) oder Panasonic Viera Cast - könnten eine alte Idee aufleben lassen. Nämlich dem Fernsehen im Internet-Zeitalter eine Rolle im Medienmix zukommen zu lassen, die über die des Abspielgeräts für lineare, zeitabhängige Medienprodukte hinausgeht.

Die Kombination von Broadcast- und IP-Technologie im Fernsehgerät, könnte der guten, alten "Flimmerkiste" einen neuen Schub an Attraktivität verleihen. So könnte die Röhre, die heutzutage ja schon sehr oft eine LCD-Matrix ist, auch bei jungen Medienkonsumenten wieder begehrter werden.

Das Nebeneinander von (zur Zeit noch ausgewählten) Webseiten und TV-Kanälen auf diesen Fernsehgeräten der neuen Generation kann nur der Beginn sein. Denn konvergente Technik wird erst durch kluge Crossmedia-Inhalte nützlich für den Konsumenten. Die nur technische Variante - zwei Geräte in einem - lässt Chancen, vor allem für den Journalismus, ungenützt.

Warum nicht ... ein Beispiel:

Weil Sendezeit knapp ist, sind viele Nachrichten in einer Fernsehsendung kurz und bündig. Für manchen Zuseher sind sie zu kurz. Für denjenigen nämlich, der, anders als der Chef vom Dienst der Fernsehsendung, das Thema für wichtig und interessant hält, das in einem Meldungsfilm, in einer NiF, in gerade einmal 40 Sekunden abgehandelt wird. Aber auch nach ein zwei-Minuten-Bericht bleiben für Zuseher, die sich für ein Thema interessieren, noch Fragen offen, besteht weiterer Infomationsbedarf.

Dieser individuelle Anspruch an die Fernsehsendung könnte erfüllt werden, wenn während des Sendens dieses Kurzbeitrages und einige Sekunden danach auf den dafür geeigneten TV-Geräten ein Hinweis auftauchte, der beim Druck auf den roten Knopf der Fernbedienung zusätzliche Informationen zur Sache verspricht.
Der interessierte Fernsehzuschauer drückt den roten Knopf und wird, ohne dass es für ihn eines Mehraufwandes bedürfte, zum Internetuser. Er befindet sich nun in jenem Bereich auf der Website der Fernsehsendung, in dem das Thema, für das in der Fernsehsendung nur 40 Sekunden Platz war, ausführlich behandelt wird. Mit allen denkbaren medialen Möglichkeiten: Text, Foto, Audio, Video, Verlinkungen, interaktive Angebote, Forumseinträge ... - alles, was das Thema journalistisch hergibt und was die Redaktion an Ressourcen zur Aufbereitung der Inhalte bereit stellen kann.

Der Rezipient versäumt nichts

Was der Konsument auch nicht bemerkt: Als er von der Nachrichtensendung im TV auf die Nachrichtenplattform im Web wechselte, begann der Festplattenrekorder seiner Settop-Box selbstständig, die Nachrichtensendung aufzuzeichnen. Zeitversetztes Abspielen einer Aufnahme, während die Fernsehsendung noch läuft, gehört schon heute zu den technischen Fähigkeiten jedes Festplattenrekorders.

Auf modernen Fernsehgeräten wird das Bild nicht mehr in mageren 625 Zeilen dargestellt, wie es die PAL-Norm vorschreibt, sondern in HDTV mit einer Auflösung bis zu 1920 x 1080 Bildpunkten. Daher ist auf dem Bildschirm ausreichend Platz, das laufende Fernsehprogramm in einem kleinen Fenster darzustellen, während sich der Konsument auf der Onlineplattform der Fernsehsendung bewegt. Die bestehende Bild-im-Bild-Technologie, wie sie z.B. im DVB-T-Multitext des ORF eingesetzt wird, zeigt, wie es aussieht.

Wenn der Konsument nun wieder vom Web zum Fernsehen zurückkehren will, dann hat er zwei Möglichkeiten zur Auswahl: mit einem Druck auf den - sagen wir - grünen Knopf entscheidet er sich dafür, die Nachrichtensendung an dem Punkt fortzusetzen, an dem er sie zuvor verlassen hatte. Der Druck auf den grünen Knopf startet also die Festplattenaufnahme der Nachrichtensendung und spielt sie zeitversetzt ab.

Zweite Möglichkeit: Wenn der Konsument auf den - sagen wir - roten Knopf drückt, kehrt er in das laufende Fernsehprogramm zurück.

Was es für so ein crossmediales Programmangebot braucht:
  • Eine Fernsehsendung - die haben wir.
  • Ein Nachrichtenportal im Internet - das haben wir. Aber die Onlineredaktion muss mit der Fernsehredaktion viel stärker verzahnt sein als bisher. Sie muss ausreichend Ressourcen zur Verfügung haben, um die zusätzlichen Inhalte qualitativ hochwertig aufbereiten und rechtzeitig publizieren zu können. Ein Newsdesk in einem crossmedialen Redaktionsumfeld ist für die Koordination der medienübergreifenden Aktivitäten wohl unerlässlich. Wichtig für die Budgetverantwortlichen in den Fernsehstationen ist, dass für diese neue "TV-Web-Connection" kein Extra-Content generiert werden muss. Die Online-Berichterstattung, die vom Fernsehgerät aus angesteuert wird, ist über das Onlineportal auch zugänglich. Es entsteht lediglich ein neuer Vertriebskanal.
  • Die technischen Voraussetzungen, um Fernsehsendungen fit zu machen fürs Umschalten ins Netz.
Und schließlich ist es unbedingt nötig, dass Fernsehunternehmen an die Zukunft und die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit solcher Neuerungen glauben und diese ermöglichen, ja aktiv vorantreiben. Und wenn sie es nur deshalb tun, um den Stillstand zu überwinden, der die TV-Branche beim Starren auf Zuseherschwund und sinkende Werbeerlöse erfasst hat .

Sonntag, Februar 15, 2009

Onlinejournalismus zu teuer?

Nach nur einem Jahr hat nun das Online-Nachrichtenportal Zoomer.de, bei dem Ulrich Wickert als einer der Herausgeber firmiert, sein Ende angekündigt. Chefredakteur Frank Syré schrieb Anfang Februar in eigener Sache:
"Die Wirtschafts- und Medienkrise hat bei uns und in unserem Mutterkonzern durchgeschlagen. Ein teures Experiment, das wir nunmal sind und waren, ist unter diesen Rahmenbedingungen nicht durchzuhalten."
Der Versuch scheiterte, ein Online-Portal mit dem Anspruch an hohe journalistische Qualität einigermaßen wirtschaftlich zu betreiben - Zoomer.de beschäftigte mehr als drei Dutzend Redakteure. Aber wer bezahlt für die journalistische Arbeit? Wer bezahlt dafür, dass pbulizierte Inhalte gut recherchiert, verständlich aufbereitet, glaubwürdig sind?

Der Wissenschaftsjournalist Peter Artman macht sich in seinem Blog Gedanken über die Zukunft des Onlinejournalismus.


Donnerstag, November 20, 2008

beherzter Versuch "interaktives Fernsehen"

Die Inhalte lassen sich nur zu fix vorgegebenen Zeiten konsumieren; der unablässige Strom von bewegten Bildern und Tönen verdammt den Konsumenten zum passiven Zusehen. Fernsehen verliert an Beliebtheit. Immer mehr - vor allem junge - Medienkonsumenten greifen zur Alternative, zum Internet, wo Videos zu jedem beliebigen Zeitpunkt angesehen werden können. Außerdem lassen sich Internetangebote vom Nutzer steuern. Individuell. Sie sind interaktiv.

Die Idee, das gute alte Fernsehen interaktiv zu machen, ist alt. Die bisherigen Versuche waren aber nicht von besonderem Erfolg gekrönt. Die ARD macht nun einen Anlauf und bietet den Versuch "Tagesthemen Interaktiv" an. Haben frühere Versuche für interaktives Fernsehen, wie zum Beispiel die beiden Projekte der "Plattform Digitales Salzburg" (Disclaimer: Der Autor dieses Blogs ist Obmann des Vereins "Plattform Digitales Salzburg") noch den Fernsehapparat als Ausgabegerät gewählt, so sind die interaktiven Tagesthemen der ARD ausschließlich über Internet abrufbar.

"Uns ist klar, dass es auf Dauer zu wenig sein wird, lediglich Fernsehsendungen ins Netz zu stellen. Das wird den Möglichkeiten des Mediums nicht gerecht", schreibt Chefredakteur Kai Gniffke im Blog der Tagesschau. Die Nutzer sollen nun anhand der bereit gestellten Probesendung entscheiden, ob eine Darbietung wie "Tagesthemen Interaktiv" diese Möglichkeiten nutzt und akzeptiert wird.

Betonung auf Probesendung. Das Testen erfordert Geduld, die Ladezeiten sind selbst mit einer leistungsstarken Breitbandanbindung sehr lang. Abgesehen davon ist es ganz reizvoll, die Moderatorin, den Ablauf der Sendung mit einem Mausklick zu unterbrechen, um Video-Beiträge abzurufen, die den Hintergrund des gerade behandelten Themas beleuchten oder den Nutzer übre die Vorgeschichte aufklären. Das Fernsehen wird auf Wunsch des Nutzers non linear - für IPTV (Sendungen werden über Datenleitungen und Internetprotokoll auf den Bildschirm dargestellt) könnte das funktionieren - wenn es gelingt, das traditionelle passive Nutzungsverhalten der Konsumenen vor dem Fernsehgerät zu ändern.

Für das Internet mit dem Ausgabegerät Monitor scheint mir das Konzept von "Tagesthemen Intraktiv" zu kurz gegriffen. Anders als das Fernsehen kann das Internet mit allen zur Verfügung stehenden Medien umgehen - auch mit Text und Fotos, mit Audio (ohne Bild ;-)) und Grafiken. Jedes dieser Medien hat seine ganz eigenen Stärken - Text zum Beispiel eignet sich viel besser zur Berichterstattung, die in die Tiefe geht, zur Darstellung abstrakter Sachverhalte als Fernsehen.

Fernsehen wird den Möglichkeiten des Internet nur dann gerecht, wenn es auch die Grenzen seiner traditionellen Darstellungsmöglichkeiten durchbricht und die Darstellungsformen der anderen klassischen Möglichkeiten (Print, Hörfunk) integriert. Das Stichwort lautet: konvergenter Journalismus.

Dennoch, der Versuch von Innovtionsabteilung und Tagesthemen der ARD, neue Möglichkeiten für das Fernsehen im Internet zu suchen, ist beherzt und notwendig. Die meisten anderen Fernsehstationen belassen es dabei, das Internet zur Lagerstätte - positiv formuliert: zum Archiv - bereits gespielter Fernsehsendungen zu degradieren.

Samstag, November 15, 2008

Schuldzuweisungen

Eine heftige Debatte ist zwischen dem amerikanischen Journalisten und Kolumnisten des Web-Magazins Slate, Ron Rosenbaum, und Jeff Jarvis, Journalist und außerordentlicher Professor für interaktiven Journalismus an der City University of New York, entbrannt; eine Debatte über die Frage, wie viel Schuld die Journalisten selber an der aktuellen Krise des Journalismus haben.

Der nicht mehr aktive Journalist Jarvis zeigt sich kompromisslos bei seinen Schuldzuweisungen. In seiner Kolumne im Guardian lässt er keinen Zweifel daran, wer für ihn die Verantwortung trägt:

"Der Niedergang des Journalismus ist die Schuld der Journalisten. Es ist unsere Schuld, dass wir die Veränderungen nicht früh genug auf uns zukommen sahen und unser Handwerk nicht auf den Übergang vorbereitet haben. Es ist unsere Schuld, dass wir die Möglichkeiten nicht beim Schopf ergriffen haben, die uns die neuen Medien und die neuen Beziehungen zum Publikum geboten haben. (...)"

Jarvis antwortete in seiner Kolumne auf Paul Farhi von der Washington Post, der in einem Beitrag für das American Journalism Review nicht den Journalisten in den Redaktionen die maßgebliche Schuld am wirtschaftlichen Niedergang der Tageszeitungen in den USA gibt:

"Das Problem hat wenig mit Berichterstattung, Verpackung und Verkauf von Information zu tun. Es ist viel größer als das. Zu den schwerwiegendsten Bedrohungen gehört der Verlust von Kleinanzeigen, die sinkende Zahl von Inseraten und die Verschuldung der Medienunternehmen. (...)"
Ron Rosenbaum in seinem Beitrag nun unterstellt Jeff Jarvis Hartherzigkeit und überhebliches Unverständnis, was die Aufgaben und Anforderungen an einen Journalisten betrifft:

"Ja, nach der Logik von Jarvis, waren die hart arbeitenden Reporter, die nun auf der Straße stehen, Narren: Sie verbrachten ihre Zeit nicht damit herauszufinden, wie sie sich multimedial in Position bringen können. Ich denke da an John Conroy, der jahrelang über Polizeifolter schrieb für die Zeitung Chicago Reader, der nun pleite ist und Conroy kündigte, gerade als nach Jahren seiner Berichterstattung (100.000 Worte!) die offiziellen Erhebungen in der Affäre begonnen hatten. (...)"
Eine Zusammenfassung der Debatte und eine Analyse und Bewertung des Themas aus seiner Sicht steuert der Journalist Ken Sands in den E-Media Tidbits auf Poynter Online bei:

"Meiner Meinung nach macht Jarvis den konkreten Versuch, ein neues Geschäftsmodell für Nachrichten zu inspirieren. Allerdings werden unterentwickelte Geschäftsmodelle viele Journalisten nicht glücklich machen - und das scheint der Kern des Konflikts zu sein. Jarvis stellt unmissverständlich klar, dass er weniger daran interessiert ist Journalisten zu retten als vielmehr den Journalismus an sich. (...)"

Und bei uns, in Österreich, in Deutschland, in der Schweiz, in Europa? Auch bei uns wird der Journalismus als in der Krise wahrgenommen, die klassischen elektronischen und Print-Medien kämpfen mit wirtschaftlichen Problemen. Wie sieht es bei uns mit derMitverantwortung der Journalisten aus?

Geschäftsmodell dringend gesucht

"Wird der Journalismus im Internet noch derselbe sein wie der auf Papier? Wie es mit dem Journalismus weitergeht" - Christof Siemes schreibt seine Vision, "wie guter Journalismus in Zukunft aussehen könnte" in Zeit-Online nieder.

Zum selben Ergebnis - was die Qualität des Journalismus auf Nachrichtenportalen betrifft - kommt das Gutachten "Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet
Wie das Web den Journalismus verändert
" der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2007.

Es fehlen also funktionierende Geschäftsmodelle, um Qualitätsjournalismus im Internet zu finanzieren. Das ist die Herausforderung: Nicht den guten Journalismus tot reden, sondern Geschäftsmodelle entwickeln. Dazu muss allerdings zuerst alle Beteiligten klar sein, dass Qualität im Journalismus mehr ist als nur das Reden darüber. Einen ersten Schritt setzt jetzt der deutsche Presserat.