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Samstag, März 06, 2010

Social Media und Journalisten

Den Journalisten wird - positiv formuliert - ein gespaltenes Verhältnis zu Social Media nachgesagt. Da werde nur belanglos geplaudert: "Was interessiert mich, welches Frühstück jemand gegessen hat", sagte einer meiner Kollegen kürzlich und meinte, diese Zeit verschwendende Überflüssigkeit werde in ein paar Jahren ohnedies wieder verschwunden sein.

Social-Media-Plattformen boomen

Da dürfte mein Kollege irren: Facebook hat weltweit schon mehr als 400 Millionen eingetragene Benutzer. In Österreich sind es auch schon 1,4 Millionen. Twitter hat sich mittlerweile schon mehrfach als Zulieferkanal für (nicht geprüfte) Information für Berichterstattung bewährt. Second Life ist zwar in der medialen Versenkung verschwunden. Ungeachtet dessen hat die Zahl jener zugenommen, die die virtuelle Welt besuchen.

Studie: 82 % nutzen Social Media

Deshalb ist auch die Frage interessant, wie die Journalisten mit Social Media umgehen. Für Österreich haben diese Aufgabe - zumindest was den quantitativen Aspekt betrifft - die PR- und Lobbying-Agentur ikp und das Fachmagazin "Der Österreichische Journalist" übernommen. Sie haben in einer Studie Journalisten über ihren Umgang mit Social Media befragt. 545 haben sich an der Onlineumfrage beteiligt.

Überrascht hat mich, dass 82 % der Studienteilnehmer angaben, sie seien auf einer Social-Media-Plattform vertreten. Ich hätte eine geringere Zahl vermutet - vor allem in den Altersgruppen 40 - 49 Jahre (71 %) und bei den über 50-jährigen Journalisten (68 %). Dass 95 % der unter 29-Jährigen mit mindestens einer Social-Media-Plattform verlinkt sind, überrascht hingegen nicht.

Facebook ist klarer Favorit

Bei den Plattformen geben die Journalisten eindeutig Facebook den Vorrang (79 %) vor Xing (69 %), Twitter (30 %) und YouTube (27%). 53 % der Befragten geben an, dass sie Facebook täglich nutzen; 57 % tun dies sowohl beruflich als auch privat. Diese Dominanz von Facebook nicht nur unter den befragten Journalisten ließ den Marktforscher Günter Brandstetter von 3MfB bei der Studienpräsentation vermuten, dass die anderen vergleichbaren Plattformen in den nächsten Jahren bedeutungslos würden.

Bei den Motiven, warum Journalisten Social-Media-Plattformen nutzen, liegt der Ausbau und die Pflege des persönlichen Netzwerks mit 60 % voran. Für Recherchezwecke nutzen sie 36 %, um Themen für die Berichterstattung zu finden 35 %. Vergleichsweise bescheiden nimmt sich die Zahl derer aus, die angeben Social-Media-Plattformen für Kontakte zum Publikum einzusetzen (25 %) oder das kollektive Wissen der User für die journalistische Arbeit zu nutzen (crowsourcing: 4 %).

Blogs - Stiefkinder der Journalisten

Bescheiden nimmt sich auch das Verhältnis der befragten Journalisten zu Weblogs aus: Nur 16 % führen selber einen Blog; 26 % geben an Blogs zu beobachten. 68 % der Befragten haben mit Blogs überhaupt nichts am Hut.

Abschließend merkten die Studienautoren bei der Präsentation der Ergebnisse an, dass mehr Journalisten (82 %) Social-Media-Plattformen nutzen als die Durchschnitts-Österreicher (70 %).

Nachtrag am 7.5.2010:
Habe heute einen Link gefunden, unter dem die gesamte Studie abgerufen werden kann.

Dienstag, Dezember 29, 2009

gefunden & notiert am 29.12.2009

In der Neuen Zürcher Zeitung schreiben Werner A. Meier und Pascal Zwicky, Mitarbeiter am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich, dass nicht die Medien sondern der Journalismus finanziell gefördert werden sollte. Denn der Journalismus als soziale Institution moderner Gesellschaften steht zurzeit unter besonderem Druck. [Link]

„Der Streit um die angekündigte "Tagesschau"-App für das iPhone hat einen neuen Höhepunkt erreicht: "Bild" macht das Thema sogar zum Aufmacher. Kampagnen-
Journalismus vom Feinsten“, schreibt das Medienmagazin DWDL.de. [Link]

„Auch wenn man es nicht mehr hören kann: Wenn es ein Wort des Jahres gäbe, das am besten die Situation der Medienbranche im Jahr 2009 zusammenfasst, dann wäre es eindeutig: Krise, Krise, Krise ..." So beginnt Michael Meyer seinen Rückblick auf das Medienjahr 2009 im Deutschlandradio.
[Link]

Der Standard berichtet, dass die Tageszeitung "Österreich" die Ausgabe von Sonntag, dem 27. Dezember, bereits vor Weihnachten vollständig vorproduziert habe. Bemerkenswert sind die Forumseinträge zu dieser Nachricht. [Link]



Sonntag, Dezember 27, 2009

Warum darf die Tagesschau nicht aufs iPhone?

n Streit stört den Weihnachtsfrieden in der deutschen Medienszene: "Ein gebührenfinanziertes Gratisprogramm der ARD-Tagesschau für das iPhone schadet nach Ansicht des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) der Medienbranche in ihrer Umbruchphase", schreibt Spiegel Online: "Die ARD plant, ihre Online-Inhalte im neuen Jahr in einem kostenlosen Dienst für das Apple-Mobiltelefon und andere Smartphones zur Verfügung zu stellen."

Die Befürchtungen der Zeitungsherausgeber

Die Zeitungsherausgeber befürchten, dass kostenlose Angebote von öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen, wie die ARD-Tagesschau, den Erfolg der kostenpflichtigen Nachrichtenangebote von Zeitungen bedrohen könnten. "Wenn sich bezahlte Applikationen auf mobilen Geräten nicht durchsetzen, wird dies Tausende Arbeitsplätze in der Verlagsbranche kosten", sagte etwa der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, dem Magazin "Focus". Zwei Zeitungen aus dem Springer-Verlag bieten seit Dezember 2009 kostenplichtige Apps für das iPhone an. Der mobile Dienst kostet bei "Bild" zum Einstiegspreis 79 Cent pro Monat.

Tatsächlich ein Bedrohungsszenario?

Der ARD ergeht es wie den meisten öffentlich-rechtlichen Sendern, wie auch dem ORF: sie verliert Zuseher. Der Marktanteil der "Tagesschau" im Ersten hat sich zwischen 2005 und 2008 von 20,6 % auf 19,0 % verringert. Fernseh-Zuseher wandern ins Internet ab, genauso wie Zeitungsleser ins Internet abwandern.

Da ist es doch nur folgerichtig, wenn die ARD versucht ihren Rezipienten ins (mobile) Internet zu folgen. Zumal sich die Nachrichtenleute des öffentlich-rechtlichen Senders im Internet schon eine respektable Reputation aufgebaut haben. Und wenn - zumindest für den juristischen Laien - kein Widerspruch zu den restriktiven Bestimmungen des Paragraphen 11d des Rundfunkstaatsvertrags zu erkennen ist.

Legitimationskrise durch Internetabstinenz

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch hat - ob zu Recht oder zu Unrecht sei in diesem Zusammenhang dahin gestellt - in der Diskussion um die letztlich erfolgreiche Absetzung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender mit Quotenverlusten bei den Nachrichtensendungen des Öffentlich-Rechtlichen argumentiert. Der Legitimationskrise - alle zahlen Rundfunkgebühren, immer weniger sehen die Programme - wollen die öffentlich-rechtlichen Sender mit Nachrichtenangeboten dort entkommen, wo die potenziellen Rezipienten sind. Sie handeln sich dafür den Vorwurf ein, das Bedrohungsszenario für den Printbereich zu sein.

Keine Tagesschau auf dem iPhone - höhere Zahlungsbereitschaft?

Springer-Chef Döpfner sowie andere Kritiker aus der Medienbranche und der Medienpolitik am ARD-Plan, die Tagesschau als iPhone-Applikation anzubieten, haben offenichtlich kein Vertrauen; weder in die Qualität der eigenen Produkte noch in die Bereitschaft der Online-User für entsprechende Inhalte zu bezahlen. Unverständlich bleibt Herr Döpfners Zuversicht, dass Online-User mehr Bereitschaft zeigen sollen, für das App von "Bild" zu bezahlen, wenn die "Tagesschau"auf dem iPhone verhindert wird. Der sparsame Nachrichtenkonsument wird sich dann wohl - auf dem iPhone wie auf den Mobiltelefonen anderer Hersteller - mit den kostenlosen, fürs mobile Internet optimierten Nachrichtenangeboten bescheiden, wie sie "Bild" und viele andere Printprodukte schon jetzt anbieten.

Oder werden diese kostenlosen Angebote der Zeitungen mit den kostenlosen iPhone-Apps dann abgeschafft, damit sie den Herausgebern nicht ebenso Konkurrenz machen wie das geplante iPhone-App der Tagesschau ?

Politik und Medien haben das Internet verschlafen

Hinter all dem Gezeter um das Vorhaben der ARD steckt die trügerische und durch nichts begründete Hoffnung, dass kostenpflichtiger redkationeller Inhalt nach X gescheiterten Versuchen 2010 doch noch ein tragfähiges Geschäftsmodell werden könnte. Angesichts der Diagnose des wiener Kommunikationswissenschafters Hannes Haas, dass Medienpolitik und -branche das Internet verschlafen haben, wirkt das Geschrei der deutschen Printmanager gegen den ARD-Plan wie ein Manöver, dass von der eigenen Unfähigkeit ablenken soll, tragfähige Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Kostenpflichtige Inhalte sind alter Wein in neuen Schläuchen. Die potenziellen Zahler, die iPhone-Besitzer, werden den Wein wohl als alt erkennen und ihn nicht bestellen.

Das bedrohliche Kleben an überkommenen Strategien

Hätten die Pferde-Fuhrleute zu Beginn des 20. Jahrhunderts so argumentiert wie die Medienmanager heute, dann hätten die Fuhrleute von der Politik wohl ein Fahrverbot für das neue Fortbewegungsmittel Auto auf Überlandstrecken und überhaupt eine generelle Geschwindgkeitsbeschränkung auf 10 Kilometern pro Stunde verlangt, nur damit die Pferdefuhrwerke konkurrenzfähig mit dem Benzin betriebenen Automobil bleiben. Sie hätten stur an den Jahrhunderte lang überlieferten Geschäftsmodellen der Pferdefuhrwerk-Branche festgehalten. Nach wie vor Hafer statt Benzin, Hufschmied statt Automechaniker.

Die Manager der "alten" Massenmedien sollten sich Statistiken über die Entwicklung der Zahl von Pferdefuhrwerken und der Zahl von Lastwagen seit Erfindung des Automobils ansehen.

Warum ich mich in diesem Blog so ausführlich mit der Diskussion über das Tagesschau-iPhone-App auseinandersetze.

Der Onlinedirektor des österreichischen öffentlich-rechtlichen ORF hat noch vor Weihnachten angekündigt, dass er für 2010 eine Applikation plane, die "Zeit im Bild", das österreichische Pendant zur "Tagesschau", aufs iPhone zu bringen. Die Reaktion des "Verbandes Österreichischer Zeitungen" (VÖZ) steht noch aus.

Nachtrag am 29.12.: Die Debatte über das kostenlose "Tagesschau"-App fürs iPhone spitzt sich zu: Die Bildzeitung, Speerspitze im Kampf gegen das Vorhaben der ARD, macht das Thema zum Aufmacher im Blatt.

Nachtrag am 31.12.: Zwei lesenswerte Blogposts (samt Kommentare) zum Thema von Richard Gutjahr und Ulrike Langer.

Montag, Dezember 07, 2009

Online mehr Information als im Fernsehen

ZAPP, das Medienmagazin des NDR, hat mit seinem kritischen Blick auf die deutsche Medienlandschaft Vorbildcharakter und ist einzigartig in der deutschsprachigen Fernsehlandschaft. Nun ist ZAPP auch Vorreiter bei der längst überfälligen Öffnung des klassischen Fernsehens in Richtung Zusatznutzen für den Zuschauer.

Umfassend erweiterte On-Demand-Version

Was in der originalen, also in der Fernsehversion des Magazins, nicht möglich ist, bieten die Macher von ZAPP in der Video-on-Demand-Version. Wenn etwa Bodo Hombach, der Geschäftsführer der "WAZ Mediengruppe" im Beitrag "Verlage in der Krise" in der ZAPP-Ausgabe vom 6. Dezember 2009 sein Statement zu den Personaleinsparungen in den Redaktionen abgibt, erscheint im rechten oberen Bilddrittel ein stilisierter Filmstreifen, als Icon für "Achtung, hier gibt es auf Mausklick Zusatzinformation". So können Interessierte statt der wenigen Sekunden Originalton ein 23-Minuten-Interview mit Bodo Hombach sehen.













Links auf Videos und Websites


Insgesamt 14 Links innerhalb des zehn Minuten langen Beitrags bieten zusätzliche Information, in Form von Interviews der OT-Geber in Langform, anderen Fernsehbeiträgen zum Thema oder als Links auf relevante Websites im Internet.

Das Prinzip der unterschiedlichen Informationstiefe wird konsequent durchgezogen - ohne den Zuseher zwangszubeglücken: Wer will, kann die Zusatzinfos aufrufen; wer will, kann den Beitrag ohne Zusatzinfos wie im klassischen Fernsehen ansehen - und am Ende über einen Klick auf ein Symbol im Mediaplayer die Zusatzinfos gesammelt aufrufen.

Mehr als ein Prestigeprojekt?

Dieses Angebot scheint mir ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung zu sein, um das Beste aus den Welten von Fernsehen und Internet zu verbinden: die hohe Qualität der Berichterstattung beibehalten und gleichzeitig individuell nutzbare Zusatzinformation anbieten.

Bleiben zwei Fragen: Bewegt sich der Aufwand für das Auffetten des klassischen Fernsehbeitrags um interaktiv nutzbare Zusatzinfos in einem Rahmen, dass solche Beiträge nicht nur fürs Image des Senders, sondern im tagtäglichen Betrieb produziert werden können? Und: Wann wird es endlich die passenden konvergenten Fernsehgeräte geben, damit der User nicht wieder an den Computer wechseln muss, um solche Beiträge nutzen zu können?

Sonntag, Juli 12, 2009

Mehr Meinung, weniger Information

Die radikalen Änderungen in der Medienwelt machen es für die bestehenden Medien überlebensnotwendig, dass sie ein neues Rollenverständnis entwickeln. Diese Notwendigkeit lässt sich auch von den größten Optimisten unter den Medienunternehmern mit Blick auf die wirtschaftliche Bilanz der ersten fünf Monate 2009 in Deutschland nicht mehr leugnen: 12 Prozent weniger Werbung und auch die Auflage sinkt weiter.

Einen Beitrag zu diesem neuen, längst überfälligen Rollenverständnis liefert der Trendforscher Peter Wippermann in einem Interview mit dem Internet-Mediendienst turi2.
Wippermann gibt sich überzeugt,
"dass die menschliche Qualität Dinge zu beurteilen eigentlich die Hauptursache sein wird, dass Leute Printprodukte kaufen."
Will sagen: In Zukunft werden Tageszeitungen in erster Linie nicht mehr die reinen Daten und Fakten zu einem Ereignis drucken, sondern seine Bewertung im gesellschaftspolitischen Kontext.
Diese Annahme ist durchaus nachvollziehbar: In der Disziplin "breaking news" - wer bringt aktuelle Informationen am schnellsten unter die Rezipienten - ist die Tageszeitung im Vergleich zum Internet, aber auch zu Radio und Fernsehen, produktionsbedingt im Hintertreffen.
Orientierung geben lautet die Aufgabe. Zusammenhänge aufzeigen, kommentieren - erst das gibt den Lesern die Chance, die Bedeutung eines Ereignisses für sich selber zu begreifen.

Das Streben nach höchsten Auflagen gehöre der Vergangenheit an, ergänzt Wippermann, aber:
"Ich bin ziemlich sicher, dass wir in Zukunft Qualität verkaufen werden. Die Auflagen werden kleiner sein müssen, aber dafür wertiger und viel dichter an den Zielgruppen, viel dichter an jenen, für die diese Inhalte noch Werte darstellen."
Das ganze Interview mit Peter Wippermann ist hier zu sehen.

Samstag, Juni 20, 2009

Zehn Strategien für den Journalismus 2.0

Egal, ob man den Zusatz "2.0" als Hinweis auf Veränderung nun passend findet oder nicht - Vorschläge, welche Anforderungen an den Journalismus innerhalb der veränderten Rahmenbedingungen der neuen Medienwelt gestellt werden, sind wichtig. Beim Global Media Forum der Deutschen Welle hat die Journalistin Ulrike Langer "10 Strategien für den Journalismus 2.0" präsentiert und diese ausführlich mit Argumenten untermauert. Das sind die Schlagzeilen zu den Strategien:
  1. Diskussion ermöglichen
  2. In der Link-Ökonomie müssen journalistische Plattformen öffentlicher Gesprächsstoff sein
  3. Journalismus muss dort sein, wo die Nutzer sind
  4. Journalistische Plattformen sollten multimediale Erzählformen und die Kreativität der Nutzer fördern
  5. Tue, was Du am besten kannst, und verlinke zum Rest
  6. Multimedial denken
  7. Die Weisheit der Masse nutzen
  8. Hyperlokal denken
  9. Spenden finanzierten Journalismus ermöglichen
  10. Neue Technologien umarmen
Martin Blumenau von FM4 hat die Strategien mit Anmerkungen versehen.

Sonntag, März 08, 2009

Fernsehen und Internet - die zweite


Eine neue Generation von Fernsehgeräten, die über einen Breitbandanschluss mit dem Internet verbunden sind - Philips Net TV (Bild links) oder Panasonic Viera Cast - könnten eine alte Idee aufleben lassen. Nämlich dem Fernsehen im Internet-Zeitalter eine Rolle im Medienmix zukommen zu lassen, die über die des Abspielgeräts für lineare, zeitabhängige Medienprodukte hinausgeht.

Die Kombination von Broadcast- und IP-Technologie im Fernsehgerät, könnte der guten, alten "Flimmerkiste" einen neuen Schub an Attraktivität verleihen. So könnte die Röhre, die heutzutage ja schon sehr oft eine LCD-Matrix ist, auch bei jungen Medienkonsumenten wieder begehrter werden.

Das Nebeneinander von (zur Zeit noch ausgewählten) Webseiten und TV-Kanälen auf diesen Fernsehgeräten der neuen Generation kann nur der Beginn sein. Denn konvergente Technik wird erst durch kluge Crossmedia-Inhalte nützlich für den Konsumenten. Die nur technische Variante - zwei Geräte in einem - lässt Chancen, vor allem für den Journalismus, ungenützt.

Warum nicht ... ein Beispiel:

Weil Sendezeit knapp ist, sind viele Nachrichten in einer Fernsehsendung kurz und bündig. Für manchen Zuseher sind sie zu kurz. Für denjenigen nämlich, der, anders als der Chef vom Dienst der Fernsehsendung, das Thema für wichtig und interessant hält, das in einem Meldungsfilm, in einer NiF, in gerade einmal 40 Sekunden abgehandelt wird. Aber auch nach ein zwei-Minuten-Bericht bleiben für Zuseher, die sich für ein Thema interessieren, noch Fragen offen, besteht weiterer Infomationsbedarf.

Dieser individuelle Anspruch an die Fernsehsendung könnte erfüllt werden, wenn während des Sendens dieses Kurzbeitrages und einige Sekunden danach auf den dafür geeigneten TV-Geräten ein Hinweis auftauchte, der beim Druck auf den roten Knopf der Fernbedienung zusätzliche Informationen zur Sache verspricht.
Der interessierte Fernsehzuschauer drückt den roten Knopf und wird, ohne dass es für ihn eines Mehraufwandes bedürfte, zum Internetuser. Er befindet sich nun in jenem Bereich auf der Website der Fernsehsendung, in dem das Thema, für das in der Fernsehsendung nur 40 Sekunden Platz war, ausführlich behandelt wird. Mit allen denkbaren medialen Möglichkeiten: Text, Foto, Audio, Video, Verlinkungen, interaktive Angebote, Forumseinträge ... - alles, was das Thema journalistisch hergibt und was die Redaktion an Ressourcen zur Aufbereitung der Inhalte bereit stellen kann.

Der Rezipient versäumt nichts

Was der Konsument auch nicht bemerkt: Als er von der Nachrichtensendung im TV auf die Nachrichtenplattform im Web wechselte, begann der Festplattenrekorder seiner Settop-Box selbstständig, die Nachrichtensendung aufzuzeichnen. Zeitversetztes Abspielen einer Aufnahme, während die Fernsehsendung noch läuft, gehört schon heute zu den technischen Fähigkeiten jedes Festplattenrekorders.

Auf modernen Fernsehgeräten wird das Bild nicht mehr in mageren 625 Zeilen dargestellt, wie es die PAL-Norm vorschreibt, sondern in HDTV mit einer Auflösung bis zu 1920 x 1080 Bildpunkten. Daher ist auf dem Bildschirm ausreichend Platz, das laufende Fernsehprogramm in einem kleinen Fenster darzustellen, während sich der Konsument auf der Onlineplattform der Fernsehsendung bewegt. Die bestehende Bild-im-Bild-Technologie, wie sie z.B. im DVB-T-Multitext des ORF eingesetzt wird, zeigt, wie es aussieht.

Wenn der Konsument nun wieder vom Web zum Fernsehen zurückkehren will, dann hat er zwei Möglichkeiten zur Auswahl: mit einem Druck auf den - sagen wir - grünen Knopf entscheidet er sich dafür, die Nachrichtensendung an dem Punkt fortzusetzen, an dem er sie zuvor verlassen hatte. Der Druck auf den grünen Knopf startet also die Festplattenaufnahme der Nachrichtensendung und spielt sie zeitversetzt ab.

Zweite Möglichkeit: Wenn der Konsument auf den - sagen wir - roten Knopf drückt, kehrt er in das laufende Fernsehprogramm zurück.

Was es für so ein crossmediales Programmangebot braucht:
  • Eine Fernsehsendung - die haben wir.
  • Ein Nachrichtenportal im Internet - das haben wir. Aber die Onlineredaktion muss mit der Fernsehredaktion viel stärker verzahnt sein als bisher. Sie muss ausreichend Ressourcen zur Verfügung haben, um die zusätzlichen Inhalte qualitativ hochwertig aufbereiten und rechtzeitig publizieren zu können. Ein Newsdesk in einem crossmedialen Redaktionsumfeld ist für die Koordination der medienübergreifenden Aktivitäten wohl unerlässlich. Wichtig für die Budgetverantwortlichen in den Fernsehstationen ist, dass für diese neue "TV-Web-Connection" kein Extra-Content generiert werden muss. Die Online-Berichterstattung, die vom Fernsehgerät aus angesteuert wird, ist über das Onlineportal auch zugänglich. Es entsteht lediglich ein neuer Vertriebskanal.
  • Die technischen Voraussetzungen, um Fernsehsendungen fit zu machen fürs Umschalten ins Netz.
Und schließlich ist es unbedingt nötig, dass Fernsehunternehmen an die Zukunft und die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit solcher Neuerungen glauben und diese ermöglichen, ja aktiv vorantreiben. Und wenn sie es nur deshalb tun, um den Stillstand zu überwinden, der die TV-Branche beim Starren auf Zuseherschwund und sinkende Werbeerlöse erfasst hat .

Sonntag, Februar 15, 2009

Onlinejournalismus zu teuer?

Nach nur einem Jahr hat nun das Online-Nachrichtenportal Zoomer.de, bei dem Ulrich Wickert als einer der Herausgeber firmiert, sein Ende angekündigt. Chefredakteur Frank Syré schrieb Anfang Februar in eigener Sache:
"Die Wirtschafts- und Medienkrise hat bei uns und in unserem Mutterkonzern durchgeschlagen. Ein teures Experiment, das wir nunmal sind und waren, ist unter diesen Rahmenbedingungen nicht durchzuhalten."
Der Versuch scheiterte, ein Online-Portal mit dem Anspruch an hohe journalistische Qualität einigermaßen wirtschaftlich zu betreiben - Zoomer.de beschäftigte mehr als drei Dutzend Redakteure. Aber wer bezahlt für die journalistische Arbeit? Wer bezahlt dafür, dass pbulizierte Inhalte gut recherchiert, verständlich aufbereitet, glaubwürdig sind?

Der Wissenschaftsjournalist Peter Artman macht sich in seinem Blog Gedanken über die Zukunft des Onlinejournalismus.


Samstag, Februar 14, 2009

Die Tageszeitung in der Todesspirale

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung malt Marc Fisher, mehrfach ausgezeichneter Redakteur der „Washington Post“, den Teufel an die Wand, was die Zukunft des Qualitätsjournalismus angeht:
„Derzeit ist die berufliche Existenz einer ganzen Journalistengeneration bedroht. Und selbst diejenigen, die ihre Jobs behalten dürfen, verlieren zunehmend an Einfluss. Sie mühen sich mehr ab als je zuvor und haben dadurch weniger Zeit für Qualitätsarbeit. Der Zusammenbruch des klassischen Geschäftsmodells journalistischer Arbeit hat letztlich dazu geführt, dass wir in einer
Welt leben, in der zwar immer mehr Informationen verfügbar sind, sich die professionellen
Berichterstatter aber um ihre Zukunft sorgen müssen. Auf diese Weise nimmt die
Qualität der gesamten Medienberichterstattung stetig ab. Das sollte nicht nur Journalisten Sorgenfalten auf die Stirn treiben, sondern allen Bürgern.“

Auch auf die Frage nach der Zukunft der Tageszeitung hat Fisher in diesem Interview eine klare Antwort - für ihn gibt es keine:
„Ich möchte wirklich nicht übertreiben, aber wenn ich ehrlich bin, wird es nicht einmal mehr fünf Jahre dauern, bis Zeitungen verschwinden. Der Auflagenrückgang beschleunigt diesen Prozess mit einer solchen Geschwindigkeit, dass viele Fachleute in den USA inzwischen von einer "Todesspirale“ sprechen. Wenn man sich darauf einlässt, wird die Beschleunigung noch weiter angefeuert, sprich: Je mehr wir darüber reden, desto schlimmer wird es.“
Und in Europa? In Österreich?

Freitag, November 21, 2008

Kahlschlag III

17.11.2008: Der "Guardian" berichtet, dass innerhalb von nur einer Woche in Medienbetrieben - Print und elektronisch - in Großbritannien mehr als 2300 Arbeitsplätze gestrichen wurden, unter anderem in so bekannten Firmen wie Virgin Media, ITV und Channel 4. Als Grund für die Einsparungen nennen die Medienunternehmen den Rückgang der Werbeeinnahmen.

19.11.2008: Der Verlag Gruner + Jahr kündigt an, dass er seine Wirtschaftstitel "Capital", "Impulse" und "Börse Online" ab März 2009 in Hamburg produziert wird. Die bisherigen Produktionsstandorte in Köln und München werden aufgelassen, die bisherigen 110 Mitarbeiter der drei Publikationen werden gekündigt.

21.11.2008: Bei der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) werden im Jahr 2009 zehn Prozent der 4100 Arbeitsplätze gestrichen. Davon betroffen seien auch einige der 3000 Journalisten des Unternehmens, berichtet der "Standard". AP leidet unter dem Einnahmeverlust durch die US-Zeitungsverlage, die sich in einer wirtschaftlichen Krise befinden.

Donnerstag, November 20, 2008

beherzter Versuch "interaktives Fernsehen"

Die Inhalte lassen sich nur zu fix vorgegebenen Zeiten konsumieren; der unablässige Strom von bewegten Bildern und Tönen verdammt den Konsumenten zum passiven Zusehen. Fernsehen verliert an Beliebtheit. Immer mehr - vor allem junge - Medienkonsumenten greifen zur Alternative, zum Internet, wo Videos zu jedem beliebigen Zeitpunkt angesehen werden können. Außerdem lassen sich Internetangebote vom Nutzer steuern. Individuell. Sie sind interaktiv.

Die Idee, das gute alte Fernsehen interaktiv zu machen, ist alt. Die bisherigen Versuche waren aber nicht von besonderem Erfolg gekrönt. Die ARD macht nun einen Anlauf und bietet den Versuch "Tagesthemen Interaktiv" an. Haben frühere Versuche für interaktives Fernsehen, wie zum Beispiel die beiden Projekte der "Plattform Digitales Salzburg" (Disclaimer: Der Autor dieses Blogs ist Obmann des Vereins "Plattform Digitales Salzburg") noch den Fernsehapparat als Ausgabegerät gewählt, so sind die interaktiven Tagesthemen der ARD ausschließlich über Internet abrufbar.

"Uns ist klar, dass es auf Dauer zu wenig sein wird, lediglich Fernsehsendungen ins Netz zu stellen. Das wird den Möglichkeiten des Mediums nicht gerecht", schreibt Chefredakteur Kai Gniffke im Blog der Tagesschau. Die Nutzer sollen nun anhand der bereit gestellten Probesendung entscheiden, ob eine Darbietung wie "Tagesthemen Interaktiv" diese Möglichkeiten nutzt und akzeptiert wird.

Betonung auf Probesendung. Das Testen erfordert Geduld, die Ladezeiten sind selbst mit einer leistungsstarken Breitbandanbindung sehr lang. Abgesehen davon ist es ganz reizvoll, die Moderatorin, den Ablauf der Sendung mit einem Mausklick zu unterbrechen, um Video-Beiträge abzurufen, die den Hintergrund des gerade behandelten Themas beleuchten oder den Nutzer übre die Vorgeschichte aufklären. Das Fernsehen wird auf Wunsch des Nutzers non linear - für IPTV (Sendungen werden über Datenleitungen und Internetprotokoll auf den Bildschirm dargestellt) könnte das funktionieren - wenn es gelingt, das traditionelle passive Nutzungsverhalten der Konsumenen vor dem Fernsehgerät zu ändern.

Für das Internet mit dem Ausgabegerät Monitor scheint mir das Konzept von "Tagesthemen Intraktiv" zu kurz gegriffen. Anders als das Fernsehen kann das Internet mit allen zur Verfügung stehenden Medien umgehen - auch mit Text und Fotos, mit Audio (ohne Bild ;-)) und Grafiken. Jedes dieser Medien hat seine ganz eigenen Stärken - Text zum Beispiel eignet sich viel besser zur Berichterstattung, die in die Tiefe geht, zur Darstellung abstrakter Sachverhalte als Fernsehen.

Fernsehen wird den Möglichkeiten des Internet nur dann gerecht, wenn es auch die Grenzen seiner traditionellen Darstellungsmöglichkeiten durchbricht und die Darstellungsformen der anderen klassischen Möglichkeiten (Print, Hörfunk) integriert. Das Stichwort lautet: konvergenter Journalismus.

Dennoch, der Versuch von Innovtionsabteilung und Tagesthemen der ARD, neue Möglichkeiten für das Fernsehen im Internet zu suchen, ist beherzt und notwendig. Die meisten anderen Fernsehstationen belassen es dabei, das Internet zur Lagerstätte - positiv formuliert: zum Archiv - bereits gespielter Fernsehsendungen zu degradieren.

Samstag, November 15, 2008

Geschäftsmodell dringend gesucht

"Wird der Journalismus im Internet noch derselbe sein wie der auf Papier? Wie es mit dem Journalismus weitergeht" - Christof Siemes schreibt seine Vision, "wie guter Journalismus in Zukunft aussehen könnte" in Zeit-Online nieder.

Zum selben Ergebnis - was die Qualität des Journalismus auf Nachrichtenportalen betrifft - kommt das Gutachten "Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet
Wie das Web den Journalismus verändert
" der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2007.

Es fehlen also funktionierende Geschäftsmodelle, um Qualitätsjournalismus im Internet zu finanzieren. Das ist die Herausforderung: Nicht den guten Journalismus tot reden, sondern Geschäftsmodelle entwickeln. Dazu muss allerdings zuerst alle Beteiligten klar sein, dass Qualität im Journalismus mehr ist als nur das Reden darüber. Einen ersten Schritt setzt jetzt der deutsche Presserat.

Montag, November 10, 2008

Kahlschlag - Fortsetzung

Allein heute, am Montag, 10.11.2008, waren folgende zwei Sachverhalte in den Zeitungen zu lesen. Zwei Entwicklungen, die schön langsam auch die Einrichtung einer deutschsprachigen Version von Newspaper Death Watch rechtfertigten:

Die traditionsreiche Oberösterreichische Rundschau wird von der neuen Eigentümerin, der Moser Holding aus Innsbruck, wegen - wie es heißt "schlechter Ertragslage" - in eine Gratiszeitung umgewandelt. Damit gehen 100 von 250 Arbeitsplätze verloren; die verbleibenden 150 Arbeitnehmer müssen mit beträchtlichen Einkommenseinbußen rechnen. So sollen die Journalisten von ihrem in den für den Arbeitgeber preiswerteren Kollektivvertrag des Gewerbes gezwungen werden. Das bedeutet bis zu 50 Prozent weniger Geld für die Betroffenen. (Einzelheiten dazu)

Die WAZ-Mediengruppe will, so hat es Geschäftsführer Bodo Hombach angekündigt, 30 Millionen Euro pro Jahr einsparen. Vor diesem Hintergrund ist die Redaktionsreform der WAZ für ihre vier Zeitungen in Nordrhein-Westfalen zu sehen: die Ressorts Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Vermischtes und Fernsehen, die bisher in jeder der vier Tageszeitungen eigenständig betrieben wurden, werden in eine Zentralredaktion zusammen gelegt. Der Chefredakteur spricht von Qualitätsverbesserung; Branchenkenner vermuten, dass mit dieser Zusammenlegung ein Viertel der Redakteure eingespart werden könnten - nämlich 200. (Einzelheiten dazu)

Samstag, November 08, 2008

Kahlschlag

1. Juli 2008: Die französischen Tageszeitungen "Le Monde" und "Le Figaro" kündigen an mehr als 200 Mitarbeiter, darunter 105 Journalisten, abzubauen, um Personalkosten von 9,4 Millionen Euro zu sparen.

24. Juni 2008: Der Deutsche Journalisten Verband protestiert gegen den Eigentümer der Berliner Zeitung, den Finanzinvestor David Montgomery: "Wenn, wie geplant, allein bei der Berliner Zeitung 40 von 130 Redakteursstellen wegfallen sollen, verkommt das Blatt zum Sammelsurium von Agenturmeldungen".

16. Juli 2007: Die neuen Eigentümer des Medienkonzerns ProSiebenSat1, die Finanzinvestoren KKR und Permira, drängen auf eine Erhöhung der Rendite von 22,2 auf 30 Prozent im Jahr 2008. Als Folge werden werden "rund 250 Arbeitsplätze im Bereich des Informationsjournalismus vernichtet."

Drei Beispiele aus den vergangenen zwölf Monaten. Aus einem Beitrag der "Neuen Zürcher Zeitung Online" geht hervor, dass diese nur die Spitze des Eisbergs sind - in Europa,vor allem aber in den USA, wo die Auflagezahlen der Tageszeitungen stark schrumpfen - von März bis September 2008 um 4,6 Prozent : "Der Auflagenrückgang, das Abwandern von Anzeigen, die Billigkonkurrenz im Internet, die anhaltend hohen Kosten des Print-Gewerbes und die oft schwindelerregend hohe Verschuldung vor allem der US-Unternehmen gelten als die zentralen Gründe der Abwärtsbewegung."

Die Aasgeier beziehen Position: Newspaper Death Watch publiziert penibel, welche Tageszeitung in den USA mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat und wie viele journalistische Mitarbeiter entlassen muss. Schadenfroher Untertitel der Website: "Chronik des Niedergangs von Zeitungen und der Wiedergeburt des Journalismus".

Donnerstag, Juni 19, 2008

Leere Versprechen ... unnötig!

Im Weblog der Journalisten-Ausbildner in Darmstadt erfahre ich, dass "Focus Online" neue Webvideo-Formate anbietet, darunter eines mit Namen "Focus-Online-News Navigator". Von der Moderatorin der Sendung, Isabella Kroth, erfahre ich in der ersten Sendung die hehren Ziele des neuen Webvideo-Angebots: "Wir navigieren Sie durch den täglichen Meldungs- und Informationsdschungel."

Ein verlockendes Versprechen in Zeiten der gnadenlosen Informationsüberflutung, zumal das Angebot der verlässliche Kompass für das tägliche Nachrichtengeschehen sei: "Wir zeigen Zusammenhänge, klopfen Meldungen auf ihren Gehalt ab und lassen aus mancher Medienblase die Luft entweichen."

Beim Anschauen einiger der Sendungen, die auf der Playlist der übersichtlichen Seite angeboten werden, entweicht die Luft aus dieser Versprechensblase rasch: Drei Themen pro Sendung, die knapp viereinhalb Minuten dauert. Die bemühte Moderatorin, die auch die Nachrichtenredakteurin ist, präsentiert den Text. Videosequenzen werden eingespielt, über die Moderatorin gelegt.

Das ist ein alt bekanntes Strickmuster, wie es im Netz auch von "Spiegel Online", von "Welt Online", von der Onlineausgabe von "Österreich" oder im Fernsehen in den "ZiB Flashes" von ORF 1 (noch nicht on demand verfügbar) und vielen anderen eingesetzt wird: Kurze Information zum raschen Überblick.

Aber Zusammenhänge und in die Tiefe Gehendes bleibt auch das neue Webvideo-Angebot von FOCUS schuldig.

Mit Verlaub: Das Experteninterview der Präsentatorin mit FOCUS-Online-Sportredakteur Martin Vogt über die Erwartungen an die deutsche Nationalmannschaft im EM-Viertelfinale in der Ausgabe vom 19. Juni 2008 ist bieder und ähnelt den vielen Analysen, die an diesem Tag in den Medien landauf landab zu lesen sind.

Die Versprechen von FOCUS halten der Überprüfung nicht stand.

Bleiben zwei Fragen:
  • Warum muss ein neues Webvideo-Angebot, das auch nicht schlechter als viele andere gemacht ist, mit Marketingphrasen Erwartungen wecken, die dann nicht erfüllt werden? (liebe Verantwortliche bei FOCUS: die User nicht nicht so blöd, dass sie das nicht merken! - Anmerkung des Autors).
  • Warum wird nicht ein Webvideo-Format angeboten, das in der unübersichlichen Vielfalt der Nachrichtenangebote und der täglichen Informationsflut tatsächlich die Versprechen erfüllt, die FOCUS gemacht hat?
Navigation durch die tägliche Informationsflut, Zusammenhänge aufzeigen, Hilfe bei der Einordnung und Bewertung von Ereignissen ... viele User wären dankbar für die Hilfe bei der Bewältigung der Informationsfülle, die ständig auf sie niederprasselt.

Ein solches Angebot wäre dringend nötig und das Internet böte die Möglichkeiten dazu.

Donnerstag, Mai 01, 2008

Kapazitätsmangel und Leiharbeit

Eigentlich soll es in diesem Blog um die Zukunft des Journalismus gehen; um die Chancen und Herausforderungen, die der Übergang von der analogen Medienwelt der breiten Öffentlichkeit in die digitale Welt der fragmentierten Publika (communities) für die Journalisten bereit hält.

Diese spannende Suche nach und der Diskurs über neue Möglichkeiten der Berichterstattung unter Einhaltung der altbewährten, journalstischen Qualitätskriterien - all dies ist realitätsfremd und naiv, wenn nicht die gegenwärtige Arbeitssituation der Journalisten mit berücksichtigt wird.
Die ist in vielen, wohl in sehr vielen Fällen schwierig bis prekär. Wenn zum Beispiel in Redaktionen planlos gespart wird, ohne dass nämlich Workflows und Arbeitsanfall auf die geringere Menge an Personal und/oder an die niedrigeren Budgets angepasst werden. Um es plakativ zu formulieren: Zwei Redakteure können nicht die gleiche Menge an Berichten mit den gleich hohen Qualitätsansprüchen in der gleichen Zeit produzieren. Das ist logisch, leicht verständlich und wird in den Medienanstalten nicht nur dieses Landes nicht eingesehen. Die Geschäftsführungen verringern Personal, kürzen Budgets und erwarten für die Zukunft dennoch die gleiche Menge an journalistischen Produkten in der selben Qualität wie bisher. Oder die Sparvorgaben in den Redaktionen werden durch den Einsatz von Leiharbeitern erfüllt. Oder von geringer bezahlten Mitarbeitern in ausgelagerten Unternehmen.

Diese Debatte ist längst keine akademische Auseinandersetzung mehr über wünschenswerte Verhältnisse. Journalisten selber beschreiben vielmehr Outsourcing neben schlechter Ausbildung als größte Gefahr für unseren Berufsstand.

Montag, März 03, 2008

Print liebt Video

Auf immer mehr Online-Portalen von Tageszeitungen sind Videos feste Bestandteile der Berichterstattung. Print liebt Video - das steht auch in der Medienspiegel-Umfrage "Onlinejournalismus 2008" des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln zu lesen: Fast sechs von zehn Onlineablegern deutscher Tageszeitungen bieten Filme mit lokalen und regionalen Nachrichten. Nicht viel weniger, nämlich 55,6 Prozent, stellen Filme mit überregionalen Nachrichten zum Abruf bereit.

Die Spezialisten fürs gedruckte Wort entdecken die bewegten Bilder. "Der Westen", das noch recht junge Portal der WAZ Mediengruppe, setzt sogar Maßstäbe. In der Reportage "Die verlorenen Straßen von Bruckhausen" sind Text und Video die maßgeblichen Medien der Berichterstattung. Dabei wird die Geschichte vom Abriss ganzer Straßenzüge im Norden von Duisburg nicht in einer Printversion erzählt, die von einem redundanten Videobericht des selben Inhalt flankiert wird. Vielmehr ergänzen einander Text und Video - ein schönes Beispiel für Multimedia Reporting.

Noch fehlt die Möglichkeit, die Reportage nonlinear zu konsumieren - die umfangreiche Arbeit muss in einem Stück, von vorne nach hinten gelesen werden; noch fehlen abgesehen von einer Landkarte und dem Diskussionsforum interaktive Elemente bzw. Web-2.0-Angebote. Aber die Reportage ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich Video und Text ergänzen können, dass journalistische Konvergenz nicht ein Nebeneinander der einzelnen Medien, sondern ein Miteinander ist, in dem die Stärken der jeweiligen medialen Darstellungsform genutzt werden.

Noch sind diese Beispiele auf deutschsprachigen Online-Portalen selten. Wohl auch deshalb, weil ihre Produktion aufwändig ist, Ressourcen verlangt, die im von Aktualität getriebenen Alltag der Onlineredaktionen nicht unterzubringen sind.

Noch ist das Nebeneinander von Text und Print die Regel. Wie im neu gestalteten Portal der Münchner "Abendzeitung", wo neben Artikeln mit Texten und Fotos "Abendzeitung.tv" mit solide gemachten, klassischen Fernsehbeiträgen abzurufen ist.

Freitag, Februar 22, 2008

Fragwürdiger Zugang zum Qualitätsbegriff

Ein neuer Mitbewerber, auch ein journalistischer, belebt das Geschäft. Vor allem, wenn er sich zum Ziel gesetzt hat, innerhalb von drei Jahren Online-Marktführer in Salzburg zu werden. Die Rede ist von salzburg24, das die Teleport Consulting und Systemmanagement GesmbH seit 23.11.2007 betreibt, ein Tochterunternehmen des Vorarlberger Medienhauses von Eugen A. Russ.

Mit einem "Mix aus regionaler Live-Berichterstattung, nationalen und internationalen News, Sport, Kultur, Society, einer Community-Plattform für die Salzburger, Chats, Weblogs, Kleinanzeigen sowie Freizeit- und Lokaltipps" soll das ambitionierte wirtschaftliche Ziel erreicht werden, heißt es in einer Meldung der Austria Presse Agentur vom 3.10.2007. Welche Ansprüche die Macher von salzburg24 an die journalistische Qualität ihrer Arbeit stellen, lässt ein Zitat der Geschäftsführung in dieser Meldung bereits erkennen: "Eine 'Tiefenberichterstattung' wie bei orf.at oder salzburg.com sei nicht geplant, 'wir werden die Plattform etwas boulevardesker betreiben'".

Diese Eigendefinition war noch recht diffus, ließ einiges an Interpretationsspielraum, was der kritische, an Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit der Berichterstattung interessierte User auf salzburg24 erwarten darf.
Weitaus klarer positioniert sich Wochen später Redaktionsleiter Stefan Tschandl in einem Bericht der Branchenzeitschrift "Der österreichisches Journalist" zur Jahreswende 2007/2008. Dort lässt sich Tschandl im Hinblick auf die journalistischen Qualitätsansprüche von salzburg24 so zitieren: "[...] die News laufen deutlich als solche erkennbar in der MIttelspalte. Was macht den Unterschied, ob der Inhalt von einem top ausgebildeten Journalisten oder von der Hausfrau zuhause am Küchentisch kommt? Im Grunde genommen entscheidet nur eines: Was wird gelesen, und was nicht."

Ja, was macht den Unterschied ... für bewusste Leser vielleicht doch die Gewissheit, dass der top ausgebildete Journalist professionell selektieren, recherchieren, aufbereiten und darstellen kann; was von der durchschnittlichen Hausfrau wohl nicht erwartet werden darf.

Letzterer ist aber auch ohne journalistische Ausbildung durchaus zuzutrauen, dass sie folgende Veröffentlichung zustande bringt, die am 21. Februar 2008 auf salzburg24, in der für die News vorgesehenen Mittelspalte zu finden war:

Wie sagte Redaktionsleiter Tschandl: "Was macht den Unterschied, ob der Inhalt von einem top ausgebildeten Journalisten oder von der Hausfrau zuhause am Küchentisch kommt?" Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeier jedenfalls halten sich streng an die Vorgabe und setzen sie perfekt um!

Freitag, Juli 13, 2007

Pressekonfrenz als Werbebühne

Zur Abwechslung einmal eine Begebenheit, die mehr als diese Notiz nicht wert ist, wenn sie ein Einzelfall ist. Vielleicht mutieren aber mehr als nur diese Pressekonferenz heute zu Werbeveranstaltungen, die kaum relevante Information für journalistische Berichterstattung liefern und dennoch medialen Niederschlag finden?

Was also geschah an diesem Freitag, dem 13. Juli 2007? Die Telekom Austria, ehemaliger Telefon-Monopolist und immer noch größter Festnetzanbieter lud zur Pressekonferenz, um den Start seiner Fernsehplattform aonDigital TV in Salzburg vorzustellen. Das klang interssant: In Salzburg ist ein großer Kabelfernsehbetreiber Marktführer, zusammen mit DVB-S und DVB-T ist der Fernsehmarkt geordnet. Nun bricht ein neuer Anbieter mit attraktiven Inhalten - neben den klassischen Fernsehprogrammmen sind auch Video-on-Demand-Services verfügbar - und Kampfpreis - ab € 9.90 pro Monat - in diesen Markt ein. Zusammen mit dem Vorwissen, dass TelCos die Notwendigkeit haben, neue Geschäftsfelder zu erschließen, weil im Kerngeschäft kein aureichender Profit mehr zu machen ist ...

Ja, all dies hätte eine interessante journalistische Geschichte ergeben, wenn nicht ... ja, wenn die Pressekonferenz sich nicht auf Werbung für das Produkt beschränkt hätte. Es war nicht zu erfahren, welche konkreten Ziele sich die Telekom für ihr Engagement in Salzburg gesetzt hat, wieviele Kunden gewonnen werden sollen, woher die Kunden kommen sollen; nicht einmal die konkrete Zahl der aonDigital-TV-Kunden in Wien war zu erfahren, wo das Angebot bereits seit einem drei Viertel Jahr angeboten wird.

Gut, keine Berichterstattung im ORF Salzburg; ein drei Viertel Stunde für die Katz abgearbeitet. Immerhin, der Ärger bleibt klein, wenn diese als Werbeveranstaltung getarnte Pressekonferenz ein Einzelfall bleibt, den die Öffentlichkeitsarbeit der Telekom zu verantworten hat.

Sollte es aber kein Einzelfall sein, sondern ein Trend, dann ... nein, auch dann ist der Ärger nicht groß; aber die Befürchtung, dass der Journalismus wieder ein Stück zurückgedrängt wird. Die Berichterstattung in den Salzburger Medien in den kommenden Tagen werden hoffentlich ein wenig Aufschluss geben, ob Werbung und Marketing schon unverhohlen den Weg in die redaktionellen Inhalte finden oder solche Pressetermine in der Berichterstattung doch noch ignoriert werden.

Dienstag, Februar 06, 2007

Die Rolle des Journalismus in der neuen Medienwelt

Es war eine illustre Runde von gut zwei Dutzend Kommunikatoren, die sich am 5. Februar beim monatlichen Treff der k_runde in den Räumlichkeiten der IKP in der Salzburger Alpenstraße eingefunden hatten. Das Thema lautete "PR 2.0", eine Chiffre für die Nutzungsmöglichkeiten von Web 2.0 für die Öffentlichkeitsarbeit.

Nach dem Vortrag von DI(FH) Martin Ortner über die Tools und deren Einsatzbereiche durfte ich einige Anmerkungen - na ja, es wurde dann doch fast eine halbe Stunde - über die neue, digitale Medienwelt und die Herausforderungen für den Journalismus anbringen:

"Digital community statt vordigitaler, breiter Öffentlichkeit; aktiver Konsument statt passiver Rezipient. Die neuen technologischen Möglichkeiten haben das Medien nutzende Individuum aus seiner Rolle als Teil des heterogenen, dispersen Publikums befreit. Der Journalist und all jene, die zu seiner Arbeit beitragen, sehen sich mit geänderten Rahmenbedingungen konfrontiert. Die gute Nachricht ist, dass die handwerklichen Fähigkeiten des Journalismus wie Selektion, Recherche und Informationsaufbereitung weiter gefragt sein werden, umso mehr, als die weiter zunehmende Informationsflut die Rezipienten zu ertränken droht. Die schlechte Nachricht ist, dass die journalistischen Kompetenzen in einem völlig neuen Umfeld eingesetzt werden müssen und sich die Medienunternehmen nicht nur in diesem Land offensichtlich (noch) sehr schwer tun, die eingefahrenen massenmedialen Gleise zu verlassen."

Zugegeben, diese Zusammenfassung hat ausgesprochenen Reizwortcharakter. Daher habe ich die Punktuationen meiner Gedanken zum Thema in diesem Dokument zusammengefasst.